
Jeffrey Epstein & Spitzentechnologie: »Der Parasit im Maschinenraum«
Podcast & Diskussion: Die Bösartigkeit von Menschen

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- 1 Wie Jeffrey Epstein systematisch in das Nervenzentrum amerikanischer Spitzentechnologie eindrang – und was er dort wollte
- 2 Der Mann, der alles kaufen wollte
- 3 Dezember 2009: Der erste Auftrag
- 4 2010: DARPA betritt die Bühne
- 5 September 2011: Drei Wörter, die alles bedeuten
- 6 August 2012: Die Theorie wird explizit
- 7 2013: Der Neurowissenschaftler und die Ranch
- 8 2014: Geld, MIT und das Biotech-Büro
- 9 2017: Der Freund im Biotech-Büro
- 10 Was bleibt
- 11 Quellen
Wie Jeffrey Epstein systematisch in das Nervenzentrum amerikanischer Spitzentechnologie eindrang – und was er dort wollte
Es gibt Geschichten, die man nicht erfinden müsste, wenn man sie erfinden wollte. Und es gibt Geschichten, die so real und so ungeheuerlich sind, dass sie sich wie Fiktion anfühlen – bis man die Dokumente liest.
Dies ist eine solche Geschichte.
Sie beginnt nicht auf einer Privatinsel in der Karibik. Sie beginnt nicht in einer New Yorker Luxuswohnung hinter vergoldeten Türen. Sie beginnt in der Sprache von Algorithmen, von Proteinen, von Gensequenzen – und in dem Moment, in dem ein verurteilter Sexualstraftäter beschloss, dass die Entschlüsselung des menschlichen Lebens selbst sein nächstes Projekt sein würde.
Der Mann, der alles kaufen wollte
Jeffrey Epstein war vieles: Finanzier, Netzwerker, Sexualstraftäter, Menschenhändler. Aber wer seine Emails liest – und seit dem 30. Januar 2026 kann das prinzipiell jeder, denn das US-Justizministerium hat 3,5 Millionen Seiten veröffentlicht – begegnet auch noch einem anderen Epstein. Einem, der sich brennend für das Innerste der Natur interessierte. Der mitten in der Nacht Emails an Harvard-Professoren schrieb. Der wissen wollte, wie Zellen kommunizieren, wie das Altern funktioniert, wie man die Uhr des menschlichen Körpers zurückdrehen könnte.
Man könnte das für edle Neugier halten. Bis man sieht, wen er kontaktierte. Und was er ihnen anbot.
Dezember 2009: Der erste Auftrag
Die Email ist sachlich, fast geschäftsmäßig. Epstein schreibt an Daniel Dubno – CBS-Journalist, ehemaliger Berater des Department of Homeland Security und der DARPA, der fortschrittlichsten Militärforschungsagentur der Vereinigten Staaten. Die Nachricht ist kurz. Die Bitte ist klar:
„Finde mir den besten Hacker-Codebreaker, NSA-Typ.“
Der Auftrag gilt Proteinen. Epstein will die Methoden der Geheimdienstkryptographie auf das menschliche Genom anwenden – auf das Verschlüsselungssystem des Lebens selbst. Zur selben Zeit schreibt er an Danny Hillis, Pionier des parallelen Rechnens am MIT, mit demselben Gedanken: „Ich suche einen NSA-qualifizierten Codetheoretiker. Biologie auf jeder Ebene besteht aus Alice-und-Bob-Interaktionen, Authentifizierung, Signalverarbeitung.“
Alice und Bob – in der Kryptographie die Standardbezeichnungen für zwei kommunizierende Parteien. Epstein sieht lebende Zellen als Verschlüsselungsproblem. Die Wände zwischen Geheimdienst und Biowissenschaft, zwischen nationalem Sicherheitsapparat und privatem Forschungslabor – für ihn existieren sie nicht.

2010: DARPA betritt die Bühne
Wenige Monate später meldet sich Dubno zurück. Er plant einen Krypto-Workshop. Die Gästeliste lässt aufhorchen: israelische Hacker, ausgewiesene Codebreaker – und Dr. Peter Lee, „Chief Disruption Officer“ bei DARPA. Dubno formuliert sein Angebot an Epstein mit einer Direktheit, die das Wesen dieser Welt offenbart: „Ich würde das so gestalten, dass du deine Fragen beantwortet bekommst, wenn du mir hilfst, meine zu beantworten.“
Gegenseitige Gefälligkeiten. Informationen gegen Zugang. Wissen gegen Geld.
Epsteins Antwort, dokumentiert auf einem der 3,5 Millionen Seiten, die das Justizministerium freigegeben hat: „Im in.“
Dubno besuchte Epsteins Privatinsel innerhalb weniger Tage.
Man nehme sich einen Moment, um das zu verarbeiten: Der Mann, der Epstein Zugang zu DARPA-Netzwerken verschaffen sollte, nahm eine Einladung auf die Insel an, auf der dokumentiert sexuelle Verbrechen stattfanden. War er informiert? War er naiv? War er gleichgültig? Die Dokumente sagen es nicht. Was sie sagen: Er fuhr.
September 2011: Drei Wörter, die alles bedeuten
Irgendwann im Herbst 2011 schreibt jemand aus Epsteins engstem Umfeld eine Email. Sie ist kurz. Kein Kontext, keine Erläuterung. Nur:
„Erinnere JE an Regina, DARPA.“
Regina Dugan leitete die DARPA seit 2009 – eine der mächtigsten Positionen im technologischen Sicherheitsapparat der USA. Ihr Name steht in Epsteins Terminverwaltung wie eine offene Aufgabe auf einer To-do-Liste.
Dieser Moment ist kein Drama. Er ist kein Höhepunkt. Er ist etwas Unheimlicheres: vollständig normal. Wie selbstverständlich der Name der DARPA-Direktorin zwischen Epsteins anderen Terminen auftaucht. Wie routiniert seine Assistenten mit dem Begriff umgehen. Als wäre es der natürlichste Gedanke der Welt, dass Jeffrey Epstein an Regina Dugan erinnert werden müsste.
August 2012: Die Theorie wird explizit
In einer Email an einen bis heute geschwärzten Empfänger formuliert Epstein seinen Plan mit einer Offenheit, die atemberaubend ist:
„Meine Biologiegurus in Harvard sind sich einig, dass die Signalaufklärung der Geheimdienste auf das Entschlüsseln des DNA-Codes oder Proteinsignalprobleme angewendet werden könnte. Fremde Codes zu knacken ist die Stärke der USA und der NSA.“
Und dann folgt die Bitte, die das Ausmaß seiner Ambitionen offenbart: Er will Codebreaker aus den Geheimdiensten rekrutieren. Direkt. Für sein privates Projekt. Er fragt: „Auf welchen Agentur-Knopf muss man drücken?“
Wenige Wochen später schreibt er an Kathryn Ruemmler – die Anwältin des Weißen Hauses, die maßgeblich die juristische Nachbereitung der Snowden-Affäre begleitet hatte – mit demselben Anliegen: „Kannst du einen Mann von der NSA finden, der über Signalaufklärung angewandt auf DNA nachdenken kann? Ich will die Kommunikation zwischen lebenden Zellen abfangen.“
Man beachte: Er wendet sich mit dieser Anfrage an die engste juristische Beraterin des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Nicht an einen Universitätsprofessor. Nicht an ein Forschungsinstitut. An das Weiße Haus.
2013: Der Neurowissenschaftler und die Ranch
Edward Boyden ist ein leiser Wissenschaftler. Kein Selbstdarsteller, kein Netzwerker. Er arbeitet tief im MIT, entwickelt Techniken, um das Gehirn auf zellulärer Ebene zu kartieren – mit DARPA-Förderung, mit Auszeichnungen der Wissenschaftswelt, mit dem Respekt seiner Kollegen. Im Jahr 2013 taucht sein Name in Epsteins Emailkorrespondenz auf.
Ein Besuch auf der Zorro Ranch in New Mexico wird geplant. Boyden ist ohnehin auf dem Weg zu NSF/DARPA-Meetings. Warum nicht einen Zwischenstopp einlegen? Boyden bestätigte später mindestens fünf Treffen mit Epstein.
Fünf Treffen. Ein Neurowissenschaftler, dessen Arbeit im Grenzbereich von Gedächtnis, Wahrnehmung und Bewusstsein liegt. Ein Financier, der glaubte, das Gehirn sei ein Verschlüsselungsproblem. Fünf Treffen, dokumentiert.
Die Zorro Ranch selbst ist längst mehr als ein Anwesen. In einem Gespräch mit Steve Bannon hatte Epstein seine Vision für den Ort beschrieben: ein Forschungscampus, modelliert nach Los Alamos – dem Ort, an dem die Atombombe gebaut wurde. Epsteins Manhattan Project sollte das menschliche Genom sein.
2014: Geld, MIT und das Biotech-Büro
Joi Ito ist Direktor des MIT Media Lab. Kaum jemand verkörpert den Geist des frühen 21. Jahrhunderts besser: offen, vernetzt, futuristisch, ein Grenzgänger zwischen Technologie und Gesellschaft. Im Jahr 2014 schreibt er Jeffrey Epstein eine Email.
Der Inhalt ist sachlich: Er werde künftig das Biotech-Büro von DARPA beraten. Eine professionelle Neuigkeit. Ein Update an einen Förderer.
Dass Ito 2019, nach der Veröffentlichung seiner Verbindungen zu Epstein, als MIT-Direktor zurücktreten musste, ist das eine. Das andere ist die Frage, die seine Email stellt: Wer informiert jemanden wie Epstein darüber, welche Beratungsmandate man übernimmt? Wer empfindet das als relevante Information für diesen Empfänger?
Im selben Jahr zahlt Epstein 193.400 Dollar an Joe Thakuria, einen Kollegen des Harvard-Genetikers George Church, für ein Paket zur Mutation seiner eigenen adulten Stammzellen. Die Rechnung hält fest: „Wenn wir das tun, würde er, wie George Church, zu den wenigen Menschen weltweit gehören, bei denen das gemacht wurde.“ Epsteins Interesse an Genetik ist zu diesem Zeitpunkt buchstäblich persönlich.
2017: Der Freund im Biotech-Büro
Eine iMessage. Das Jahr ist 2017. Der Inhalt ist beiläufig, wie so vieles in dieser Geschichte beiläufig ist: Geoff Ling wird erwähnt. Ehemaliger Direktor des Biological Technologies Office bei DARPA. In der Nachricht wird er beschrieben als Epsteins „guter Freund“, als „totales Genie“, als jemand, der „weiß, wie man Science Fiction zur Wissenschaft macht.“
Science Fiction zur Wissenschaft. Das ist Epsteins Sprache, sein Selbstbild. Er ist kein Krimineller in seinen eigenen Augen – er ist ein Visionär. Einer, der die Mauern zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte, einreißt. Dass er dafür andere Menschen instrumentalisiert, missbraucht, korrumpiert – das gehört für ihn offenbar zur Methode.
Im selben Jahr diskutiert sein Umfeld eine Axios-Story über die Idee eines privaten „Health-DARPA“. Die Konzentration seiner Aktivitäten in dieser Phase ist auffällig: Neurowissenschaft, Genetik, DARPA-Netzwerke, Transhumanismus. Die Linien laufen zusammen.
Was bleibt
Die 3,5 Millionen Seiten zeigen kein zufälliges Netzwerk von Bekanntschaften. Sie zeigen eine kohärente Strategie, die über fast ein Jahrzehnt konsistent verfolgt wurde. Keine operative Zusammenarbeit mit DARPA – das ist nicht belegt. Keine staatliche Kooperation beim Missbrauch – das ist nicht belegt. Was belegt ist, ist etwas anderes und in gewisser Weise noch beunruhigender:
Dass ein verurteilter Sexualstraftäter, dessen Verbrechen seit Jahrzehnten bekannt waren und gedeckt wurden, systematisch Zugang zu den sensibelsten Forschungsfeldern der Vereinigten Staaten erwerben konnte. Dass Tür um Tür geöffnet wurde. Dass die Menschen, die diese Türen öffneten, entweder nicht wussten, was sie taten – oder es wussten und es gleichgültig fanden.
Die offene Frage ist nicht die, die Verschwörungstheoretiker stellen. Die offene Frage ist nüchterner und schwerer:
Nicht: Hat Epstein geheime Technologien entwickeln lassen, um Menschen zu kontrollieren?
Sondern: Wie konnte jemand wie Epstein überhaupt in diesen Räumen sitzen – und wer hatte ein Interesse daran, dass er dort blieb?
Die Dokumente sind öffentlich. Jeder kann sie lesen. Die Antwort wartet noch.
Quellen
- US Department of Justice – Epstein Files Release (Januar 2026)
https://www.justice.gov/opa/pr/department-justice-publishes-35-million-responsive-pages-compliance-epstein-files - Dropsite News – Jeffrey Epstein Recruited NSA Codebreakers for Genome „Manhattan Project“ (09.02.2026)
https://www.dropsitenews.com/p/jeffrey-epstein-recruited-nsa-codebreakers-genome-russia-skolkovo-bill-gates-mit - The Tech (MIT) – Epstein’s ties with MIT further revealed in latest DOJ documents (02.02.2026)
https://thetech.com/2026/02/02/epstein-mit-2026-documents - Fierce Biotech – Joichi Ito out at PureTech, MIT after Epstein funding scandal
https://www.fiercebiotech.com/biotech/joichi-ito-out-at-puretech-mit-after-epstein-funding-scandal-exposed - New York Times – Jeffrey Epstein Hoped to Seed Human Race With His DNA (31.07.2019)
https://www.nytimes.com/2019/07/31/business/jeffrey-epstein-eugenics.html - GovExec – Former DARPA Chief Broke Ethics Rules, Watchdog Finds (2014)
https://www.govexec.com/defense/2014/08/former-darpa-chief-broke-ethics-rules-watchdog-finds/91463/ - Wikipedia – Epstein Files
https://en.wikipedia.org/wiki/Epstein_files - New York Times – Conspiracy Theories Only Flourish With More Epstein Evidence (13.02.2026)
https://www.nytimes.com/2026/02/13/business/media/jeffrey-epstein-conspiracy-theories-disinformation.html







